Freiwillige Seenotretter im Mittelmeer: Ein bewegender Bericht aus erster Hand

Einsatzleiter Ingo Werth als „besonderer Gast“ beim Frühstück am 7. Februar

Foto: Judith Büthe

Fassungslos, traurig, wütend – die Emotionen beim Publikum waren deutlich zu spüren, als Ingo Werth von seinen Einsätzen berichtete. Anlässlich des monatlichen „Frühstücks mit dem besonderen Gast“ kam der Bergedorfer Mitgründer des Vereins Resqship (www.resqship.org) am 7. Februar in die Lenzsiedlung. Nach dem Frühstück versammelten sich knapp 40 Zuhörer*innen im Saal des Bürgerhauses, um seinem Bericht über die Rettung Geflüchteter aus dem Mittelmeer zuzuhören und Fragen zu stellen.

2015 beschloss Ingo Werth, seine nautischen Fähigkeiten vor der libyschen Küste einzusetzen, die auf der Route so vieler nach Europa flüchtender Menschen liegt. Zunächst war er Mitglied bei Sea-Watch, gründete aber 2017 mit Resqship eine eigene Organisation. Zusammen mit medizinischen Fachleuten und Schiffstechnikern rettete er schon vielen Menschen das Leben, indem er sie von Booten oder direkt aus dem Wasser barg. Von den Freiwilligen werden die Geretteten an Schiffe der italienischen Küstenwache, von Frontex oder an Transportschiffe anderer Organisationen übergeben und fast alle nach Sizilien gebracht.

„Die Menschen sind oft in einem katastrophalen Zustand“, berichtete Ingo Werth, während er Fotos von völlig überfüllten Schlauch- und Holzbooten zeigte. „Bis zu 165 Menschen drängeln sich da, die meisten können nicht schwimmen. Die Männer sitzen außen, Frauen und Kinder in der Mitte, wo es vielleicht sicherer ist, aber oft verdreckt mit Exkrementen, Erbrochenem, Benzin und Salzwasser. Viele wurden auf ihrer Flucht misshandelt und vergewaltigt, sind verletzt und traumatisiert. Es gab auch schon Boote, von denen wir nur Tote bergen konnten. Aber es gibt auch Erlebnisse, die Mut machen, etwa wenn nach einer Geburt auf hoher See Mutter und Kind wohlauf und in Sicherheit sind.“

Eine Besucherin fragte, welche Unterstützung die Helfer*innen selbst angesichts solcher Erlebnisse bekommen. „Wir müssen alle gut aufeinander achten“, sagte Ingo Werth. „Auch gibt es im Ausgangshafen Malta ein gutes Kriseninterventionsteam z.B. von der Bayrischen Landeskirche und der Berufsfeuerwehr, das die Helfer*innen vor einem Einsatz vorbereitet und danach wieder empfängt“, sagte Ingo Werth. „Aber wir geraten immer wieder in Situationen, auf die sich niemand vorbereiten kann.“

Im Publikum war man von dem Bericht schockiert, aber auch dankbar für die Einblicke. Schnell wurde klar, dass die Lage vor Ort viel komplexer ist, als es in den Medien erscheint. Kritisch sprach Ingo Werth mit den Anwesenden über die Flüchtlingspolitik der EU, deren zunehmende Abschottung und die Mitschuld unserer Gesellschaft an manchen Fluchtursachen. Zudem schilderte er detailliert die chaotische Lage in Libyen, das Schleppergeschäft und die Konflikte zwischen Hilfsorganisationen und der so genannten libyschen Küstenwache.

„Veranstaltungen wie diese heute in der Lenzsiedlung sind enorm wichtig, damit Menschen sich informieren und engagieren“, sagte Ingo Werth, dem die Diskussion vor Ort ebenfalls sehr gefiel. Der Verein Lenzsiedlung e.V. widmete dem Thema am 10. Februar zudem eine Soliparty: Alle Einnahmen für Eintritt, Essen und Getränke gingen an Resqship.

Michael Huhndorf

Fotos: 1 bis 4 Judith Büthe, 5 Barbara Held