FREIBEUTER DER TONNE

Sommers wohnt es sich gut im Freien. Ein echter Geheimtipp in dieser Hinsicht ist die Lenzsiedlung. Hier gibt es zwar auch ein paar Wohnungen mit Dach drüber, noch größer aber ist das Angebot an Open-Air-Wohnzimmern. Möglich wird das nur, weil so viele Mieter mithelfen: Am Montag stellt zum Beispiel einer seine olle Schlafcouch aus den 90er Jahren in der Nähe der Müllcontainer ab. Die hat abgewetzte Ecken, einen aufgequollenen Sperrholzbauch und ein undefinierbares Muster in Pastellfarben. Außerdem stinkt sie, aber sonst liegt es sich noch sehr gut darauf. Am Dienstag hat die Couch schon eine Freundin: Eine blinde, taube Fernsehröhre wartet auf Empfang. Am Mittwoch stehen dann zerkratzte Laminatpaneele in einem Aldi-Einkaufswagen zum Verlegen bereit. Und am Donnerstag leistet ein roter Plastik-Spielzeugherd allen miteinander Gesellschaft. Mit Fantasie liegt nun ein Hauch von Popcorn in der Luft. Fertig ist der gemütliche Fernsehabend!

Klar ist: So etwas geht nur gemeinsam. Den Spendern, die ebenso unermüdlich wie anonym sind, wollen wir von LenzLive an dieser Stelle herzlich danken. Natürlich kann nicht jeder sein bestes Sperrmüllstück oder den guten Sondermüll entbehren. Das ist aber kein Grund, sich ganz herauszuhalten! Zugegeben: Es stehen verdammt viele Mülleimer im Innenhof – besonders in Nähe der Spielplätze. Aber mit etwas Übung dürfte es selbst für die Ungeschicktesten kein Problem sein, halb gegessene Schokoriegel, Apfelgripse, Zigarettenstummel, Kaugummis und ähnlichen Kleinkram daneben fallen zu lassen. Denn, liebe Nachbarn, irgendetwas müssen die Tauben und Ratten in ihrem liebevoll eingerichteten Zuhause ja auch zu essen haben!

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes produziert Deutschland pro Kopf 450 Kilogramm Abfall im Jahr. Hochgerechnet auf die etwa 3000 Bewohner der Lenzsiedlung macht das 1350 Tonnen Hausmüll, Bioabfälle, Elektroschrott, Glas, Papier und Verpackungen mit dem Grünen Punkt. Das ist so viel wie 270 Afrikanische Elefantenbullen wiegen. Oder 16 Intercity-Lokomotiven. Was, so wenig nur, denkt man da erschrocken. Das kann doch gar nicht sein. Denn sieht es nicht nach mindestens 540 Elefanten und 32 Loks aus? Eine optische Täuschung, die allein auf der kreativen Verteilung der kostbaren Sekundärrohstoffe im Innenhof beruht. Wir Lenzianer können eben mit begrenzten Ressourcen haushalten – mit unserem Müll ganz besonders. Das ist deutsche Sparsamkeit!

Ganz Deutschland trennt seinen Müll.
Ganz Deutschland? Nein.
Ein kleines Dorf mitten in Hamburg macht sich
einen faulen Lenz

Deswegen würde es uns auch nie einfallen, Zeitungen und Werbeprospekte lieblos in der blauen Tonne zu entsorgen, Verpackungen mit dem Grünen Punkt in der gelben Tonne zu verstecken, Biomüll in den Kompostkübel zu kippen oder prähistorische Waschmaschinen zum Wertstoffhof zu fahren, wo sie niemand sieht. Mag man das außerhalb der Lenzsiedlung anders halten: Bei uns ist alles Restmüll! Und was nicht in die schwarzen Container passt, steht dekorativ daneben. Jeder neue Mieter kann sich nach einigen verwirrenden Gängen zu den Müllcontainern bei seinen Nachbarn versichern: „Nee, Mülltrennung machen wir hier nicht. Das können Sie alles in eine Tonne hauen.“ Die Müllschlucker sind längst verrammelt. Doch auch im 21. Jahrhundert haben wir uns die alte Lebensart erhalten: Klappe zu und weg!

Leider gibt es erklärte Feinde dieser entspannten Lebensphilosophie, Kräfte, die dagegen arbeiten. Der Vermieter SAGA beschäftigt eigens so eine „Kraft“, wie Geschäftsstellenleiter Jens Oliczewski zugibt, einen Mitarbeiter, „der ständig durch die Anlage geht“ und aufsammelt, was andere fallen lassen. „Diverse Kubikmeter Sperrmüll jeden Tag“ entsorge die SAGA. Und dann gibt es da noch die Oberspaßbremsen von der Firma „Innotec“. Dieser „Mülldienstleister“ kommt bis zu fünfmal pro Woche und behebt die „Fehlbefüllung der Müllgefäße“, wie Oliczewski erklärt. Mit anderen Worten: Die Männer steigen aus ihren Vans und graben sich auf der Suche nach Artfremdem durch die Container. Bevor die strenge Hamburger Stadtreinigung anrückt und Strafgebühren wegen fehlender Mülltrennung verlangt, sortieren sie, was im Sinne der internationalen Müllverständigung längst friedlich vereinigt war. Das ist teure Handarbeit und dennoch angeblich zu unserem besten.

„Ohne die Innotec würden die Müllgebühren hier explodieren“, sagt Jens Oliczewski. Wie preiswert könnten wir leben, wenn wir unseren Müll selber trennen würden, fragt sich da jetzt vielleicht manch einer. Doch lassen wir uns von solch schnöden Zweifeln nicht verunsichern! Denn, liebe Mitmieter, Geiz ist nicht Geil, wenn es um innerstädtische Biotope geht. Und ein solches ist sogar die Geschäftstelle der SAGA. Dort bekommt die Empfangsdame regelmäßig Rattenbesuch. Einer der drei drolligen Nager heißt inzwischen Fritzi.

Katja Morgenthaler für die Lenz Live 2/2012